Hat er aufgegeben – oder hat er sich hingegeben?
Manchmal verändert eine Frage den Blick auf eine ganze Geschichte.
Eine Frau kam nach dem Tod ihres Mannes zu uns in die Trauerberatung. Sie erzählte von den letzten Wochen seines Lebens – und davon, wie wütend sie manchmal war. Für sie fühlte es sich an, als hätte er am Ende aufgegeben. Dabei hatten sie doch so lange gemeinsam gekämpft.
Im Gespräch sprachen wir darüber, dass sterbende Menschen und ihre Zugehörigen einen Krankheitsverlauf oft ganz unterschiedlich erleben. Dann stellte die Trauerbegleiterin eine Frage:
„Kann es sein, dass Ihr Mann nicht aufgegeben hat – sondern sich dem Prozess hingegeben hat?“
Die Frau wurde still. Diesen Gedanken hatte sie bisher noch gar nicht im Sinn.
Aus unserer Praxis wissen wir: Wenn eine Krankheit unaufhaltsam fortschreitet, erleben manche Menschen einen Wendepunkt. Sie spüren, dass sie das Unveränderliche nicht länger bekämpfen können. Dieses Annehmen kann sich anders anfühlen als Aufgeben – und für manche Menschen einen Zugang zu mehr Ruhe oder Frieden eröffnen.
Für nahestehende Menschen wirkt dieser Wandel manchmal wie Resignation. Für den sterbenden Menschen selbst kann er jedoch etwas ganz anderes bedeuten.
In dieser Phase können Trauer und Liebe gleichzeitig da sein. Und es ist ganz normal, dass nicht alle Menschen in einer Familie zur gleichen Zeit an diesem Punkt sind.
Wenn für diese Veränderung Raum entstehen kann, werden manchmal Gespräche, Berührungen und Momente möglich, die bis zuletzt tragen – in einer Tiefe, die entstehen kann, wenn der Kampf gegen das Unveränderliche in den Hintergrund tritt.
Und selbst wenn dieser Perspektivwechsel erst lange nach dem Tod eines geliebten Menschen möglich wird, kann er helfen, die letzten gemeinsamen Wochen neu einzuordnen und Frieden mit dem Erlebten zu finden.
Manchmal beginnt Frieden mit einem Perspektivwechsel.