Wenn Rufen Teil des Weges ist

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Bericht einer Sterbebegleiterin

Ein alter Mann lag in seinem vertrauten Zuhause. Umsorgt von seiner Familie, getragen von Nähe, Gewohnheit und Liebe.

Der Palliativdienst war eingebunden, der Pflegedienst unterstützte den Alltag.
Ergänzend dazu wünschte sich die Familie Begleitung durch den Hospizdienst.

So kam ich ungefähr einmal pro Woche.
Diese Zeit war nicht nur für den Mann wichtig, sondern auch für seine Angehörigen.
Sie konnten einkaufen, etwas für sich tun, kurz durchatmen – mit dem guten Gefühl, dass ihr Vater in dieser Zeit nicht allein war.

Mit der Zeit veränderte sich sein Zustand. Der Mann begann zu rufen.
Nicht einmal. Nicht leise. Jeden Tag. Medikamentös war er gut eingestellt.
Doch er war nicht mehr ansprechbar und konnte nicht benennen, was ihn bewegte.

Auffällig war:
Sobald jemand ein Gebet sprach, wurde er ruhiger. Sein Körper entspannte sich, er lehnte sich zurück.
Auch ich betete – immer wieder.
Fast automatisch. Bis ein innerer Impuls innehielt:
Was, wenn dieses Rufen wichtig ist?
Was, wenn es ein Ausdruck ist – ein letzter innerer Prozess, der genau diesen Raum braucht?

Ich hörte auf, etwas verändern zu wollen.
Ich hörte auf, das Rufen zu überdecken.
Und blieb einfach da.

Ich hielt die Laute aus.
Ich blieb bei mir.

Am nächsten Tag hatte sich die Situation deutlich verändert. Weitere Zeichen des nahenden Todes traten hinzu. Die Hautfarbe war anders, der Mann lag ruhig und friedlich in seinem Bett.

Eine Kerze brannte.
Der Raum war still und friedlich.
In der folgenden Nacht starb der Mann im Beisein seiner beiden Kinder.

Im Nachgang sprachen wir miteinander über die letzten Tage.
Über Zweifel, Unsicherheit und das immer wieder herausfordernde Vertrauen in den Prozess. Für die Kinder fühlte sich dieser Abschnitt nicht wie ein Kampf an.
Sondern wie ein notwendiger Weg.
Ein Prozess, der ihren Vater frei gemacht hat – für das, was sie als die nächste Ebene des Seins verstehen.

Manchmal besteht Begleitung darin,
nichts zu lösen,
nichts zu beruhigen,
sondern dem Geschehen Raum zu lassen. 💫